Der Artikel thematisiert das Paradox agiler Führung, bei dem Führungskräfte agile Werte vorleben, während bestehende Systeme konträre Verhaltensweisen belohnen. Dies führt zu Frustration und Resignation, da Lernen, Empowerment und Kreativität bestraft werden. Ein grundlegender Wandel der Strukturen ist erforderlich, um agiles Arbeiten zu fördern und zu belohnen.

Agile Führung: Vom Leiden zum Vorbild

Wir kennen die Floskel gut: „Lead by Example“ – führe durch Vorbild. Als Führungskräfte leben wir genau das Verhalten vor, das wir uns von unseren Teams wünschen: Vertrauen, Empowerment und iterative, lernorientierte Arbeitsweisen. Doch was geschieht, wenn das System, in dem wir arbeiten, genau das Gegenteil belohnt?

Wenn Fehler bestraft werden, statt Lernen zu fördern

Stell dir vor, du förderst eine Kultur des Experimentierens und offenen Lernens. Dein Team wagt sich in neue Gebiete vor, probiert innovative Ansätze aus und lernt ständig aus Fehlern. Doch wenn die Jahresgespräche kommen, zählt plötzlich nur noch die Anzahl der gemachten Fehler – nicht die gewonnenen Erkenntnisse. Die Folge: Mitarbeiter verstecken ihre Fehler, statt daraus offen zu lernen. Das System bestraft Fehler, statt Lerngewinne zu belohnen.

Wenn Empowerment zur Illusion wird

Oder du versuchst Empowerment in deinem Team zu etablieren. Du gibst Freiräume, Entscheidungsbefugnisse und förderst Eigeninitiative. Doch kaum trifft dein Team eigenständige Entscheidungen, folgt ein langwieriger Freigabeprozess über mehrere Hierarchiestufen. Die Motivation deines Teams sinkt rapide, Eigeninitiative stirbt, und alle warten passiv auf Anweisungen „von oben“. Das System hat Eigenverantwortung effektiv ausgebremst.

Wenn Kreativität kurzfristiger Planung zum Opfer fällt

Ein weiteres Beispiel: Du förderst konsequent Design Thinking und stellst die Nutzerperspektive in den Vordergrund. Dein Team entwickelt kreative, kundenzentrierte Lösungen iterativ. Doch im entscheidenden Moment verlangt der Business Case plötzlich eine fest definierte Lösung mit exaktem ROI – bevor das Problem überhaupt umfassend verstanden ist. Kreativität und echte Problemlösung verlieren gegen kurzfristige Planbarkeit.

Das Paradox agiler Führung

Das ist der Moment, in dem „Lead by Example“ zum „Leiden bei Example“ wird.

In vielen Unternehmen bedeutet dies: Agile Werte werden gefördert und authentisch vorgelebt, doch gleichzeitig belohnen etablierte Systeme konträre Verhaltensweisen. Statt iteratives Lernen, Empowerment und Nutzerzentrierung zu unterstützen, honorieren sie Sicherheit, Kontrolle und vorgetäuschte Vorhersagbarkeit.

So entsteht eine paradoxe Situation: Die Führungskraft, die authentisch agiles Verhalten vorlebt, kämpft gegen Strukturen, die genau dieses Verhalten bestrafen. Frustration, Ermüdung und Resignation sind nicht fern – nicht, weil die Methoden falsch wären, sondern weil sie gegen ein System arbeiten, das nach wie vor altes Denken belohnt.

Was jetzt getan werden muss

Um „Lead by Example“ wieder von „Leiden bei Example“ zu befreien, braucht es mehr als einzelne Vorbilder. Es braucht einen grundlegenden Wandel der Strukturen und Bewertungssysteme, der agiles Arbeiten nicht nur duldet, sondern aktiv fördert und belohnt. Nur dann kann das agile Vorbild wieder mit Kraft voranschreiten, statt gegen Windmühlen anzukämpfen.

Es ist Zeit, unsere Systeme genauso mutig und offen zu gestalten wie unsere Führungsideale – denn Vorbild zu sein darf nicht bedeuten, Opfer eines widersprüchlichen Systems zu werden.


Praktische Tipps für Führungskräfte, die aktuell an diesen Widersprüchen verzweifeln:

  • Sichtbarkeit schaffen: Kommuniziere klar und regelmäßig, was dein Team erreicht und lernt, auch wenn klassische Messgrössen dies nicht abbilden.
  • Verbündete finden: Suche dir Unterstützer innerhalb der Organisation, die deine Werte teilen und gemeinsam Einfluss nehmen können.
  • Kleine Erfolge dokumentieren: Mach kleine Erfolge sichtbar und messbar, um dem System schrittweise zu zeigen, dass alternative Wege funktionieren.
  • Reflexion fördern: Initiere Gespräche darüber, warum agiles Verhalten aktuell nicht belohnt wird und was konkret geändert werden könnte.
  • Geduld und Resilienz: Erkenne, dass Veränderung Zeit braucht und setze bewusst Pausen und Reflexion ein, um langfristig handlungsfähig zu bleiben.