„Wir sind eine Familie“ – ein Satz, der in vielen Unternehmen fast schon mantraartig wiederholt wird. Er soll Geborgenheit vermitteln, Loyalität fördern und Zugehörigkeit schaffen. Doch während sich einige dabei an harmonische Weihnachtsessen und gemeinsame Abenteuer erinnert fühlen, steigt bei anderen das Stresslevel wie an einem chaotischen Familientreffen.
Und seien wir ehrlich: Niemand sucht sich seine Familie aus. Man hat sie. Punkt. Man kann höchstens lernen, damit umzugehen. Genau so ist es mit dem eigenen Team.
Doch was macht dieses „Familiengefühl“ in Unternehmen eigentlich mit der Gruppendynamik?
Systemische Organisation – Teams als lebendige Systeme
Organisationen sind lebendige Systeme – genau wie Familien. In der systemischen Theorie gilt: Jede Handlung eines Einzelnen beeinflusst das gesamte System. In einer Familie kann ein Konflikt zwischen Geschwistern die Atmosphäre am Esstisch vergiften. In Unternehmen sind es Spannungen zwischen Teammitgliedern, die Projekte zum Stillstand bringen.
Die Idee der „Unternehmensfamilie“ erzeugt oft unbewusst bestimmte Rollen:
- Der Kollege, der immer alles weiß? Das ist der „ältere Bruder“.
- Die, die Projekte nach vorne treibt und aufräumt? Vielleicht die „Mutterfigur“.
- Und dann gibt’s da noch den „verlorenen Sohn“ – der immer wieder Mist baut, aber trotzdem nicht rausfliegt.
Das klingt lustig, bis man merkt, wie tief solche Dynamiken greifen. Teams sind keine Tabellen, sondern lebendige Systeme – und wenn einer am Rad dreht, wackelt der ganze Wagen.
Die dunkle Seite der „Unternehmensfamilie“
Familien halten zusammen – und genau das ist das Problem.
- Du kannst nicht gehen: Wenn du in einer „Unternehmensfamilie“ sagst, dass du etwas Neues suchst, fühlt es sich an, als würdest du deine Eltern enttäuschen.
- Alles ist persönlich: Kritik wird schnell als „Nestbeschmutzung“ gesehen. Man hält lieber still, um den Frieden zu bewahren.
- Grenzen verschwimmen: Wer sich ständig „für die Familie aufopfert“, kennt bald kein Wochenende mehr.
In toxischen „Familienunternehmen“ heißt es: „Wir lassen keinen zurück“ – selbst wenn jemand nicht mehr funktioniert. Das bremst Innovation und fördert Burnout.
Die Kraft der bewussten Teams – mehr als nur Familie
Doch es geht auch anders. Gute Familien und starke Teams haben eine Gemeinsamkeit: Psychologische Sicherheit. Man darf Fehler machen, Dinge ansprechen und auch mal aus der Reihe tanzen.
- Gesunde Familien streiten – aber sie klären es. Teams brauchen das auch.
- Niemand muss alles können. Die beste Mischung sind Menschen mit Stärken und Schwächen, die sich ergänzen.
- Rituale schaffen Verlässlichkeit. Sei es der wöchentliche Jour fixe oder die Kaffeepause – solche Dinge stärken das Vertrauen.
Familie ist ein Modell – aber nicht die einzige Lösung
Die „Familienmetapher“ kann inspirierend sein – wenn sie reflektiert und bewusst eingesetzt wird. Doch Unternehmen sind keine echten Familien. Sie sind Netzwerke, in denen unterschiedliche Persönlichkeiten und Talente zusammenkommen, um ein Ziel zu erreichen.
Vielleicht ist es an der Zeit, die Metapher neu zu denken:
Ein Unternehmen ist wie ein Rudel – jeder hat seine Rolle, aber nicht jeder läuft immer direkt nebeneinander. Manche bleiben nah beieinander, andere ziehen ihre Kreise etwas weiter weg. Es gibt gemeinsame Jagden und Zeiten, in denen jeder für sich unterwegs ist. Doch am Ende gehört man zum gleichen Rudel – nicht, weil man muss, sondern weil man weiss, dass man gemeinsam stärker ist.
Denn am Ende geht es weniger darum, ob wir eine „Familie“ sind – sondern darum, ob wir gemeinsam wachsen können.