Mia ist Digital Transformation Managerin in einem mittelständischen Unternehmen. Ihr Alltag ist geprägt von Workshops, Strategie-Meetings und der Aufgabe, Teams durch die digitale Transformation zu führen. Doch in letzter Zeit läuft es nicht wie geplant: Die Workshops sind unproduktiv, die Ergebnisse unklar, und das Team hat Schwierigkeiten, an vorherige Diskussionen anzuknüpfen.
Eines Morgens bringt Marc, ein UX-Designer, die Ursache direkt auf den Punkt: „Vielleicht liegt es daran, dass wir jedes Mal in einem anderen Raum arbeiten. Es fühlt sich an, als würden wir ständig neu anfangen.“ Dieser Kommentar bleibt Mia im Kopf.
Am Abend recherchiert sie und stößt auf den Begriff Event Boundary Effect, eine wissenschaftliche Erklärung für ein alltägliches Phänomen. Dieses beschreibt, wie unser episodisches Gedächtnis durch Kontextwechsel beeinflusst wird. Wenn wir einen Raum verlassen – im wörtlichen oder übertragenen Sinn –, „archiviert“ unser Gehirn Informationen aus der aktuellen Umgebung als abgeschlossen. Neues wird mit der nächsten Umgebung verknüpft. Das kann produktives Arbeiten erschweren, wenn ein Team von Raum zu Raum springt.
Ein Experiment mit Konsistenz
Mit diesem Wissen startet Mia ein Experiment: Sie reserviert für die nächsten Workshops immer denselben Raum. Ihr Ziel ist es, die „Event Boundaries“ ihres Teams zu reduzieren und die Arbeitsatmosphäre konstant zu halten.
Schon beim ersten Workshop erklärt sie ihrem Team: „Wir arbeiten heute wieder hier, genauso wie in den nächsten Wochen. Lasst uns sehen, ob das unsere Ergebnisse verbessert.“
Die Wirkung ist sofort spürbar. Das Team knüpft direkt an die Diskussionen des letzten Meetings an. Es muss weniger Zeit für Rückblicke oder Wiederholungen aufgewendet werden. Im dritten Workshop merkt Mia: Die Vertrautheit mit dem Raum und seinen Gegebenheiten hilft ihrem Team nicht nur, effizienter zu arbeiten, sondern auch kreativer zu denken.
Wissenschaftliche Hintergründe
Der Event Boundary Effect zeigt, wie stark unser Gedächtnis an Kontexte gebunden ist. Studien der Gedächtnisforschung, beispielsweise von Radvansky und Zacks (2011), haben gezeigt, dass das episodische Gedächtnis dazu neigt, Informationen zu segmentieren, sobald ein neuer physischer oder gedanklicher Kontext betreten wird. Das Gehirn behandelt diese „Event-Boundaries“ wie Kapitel in einem Buch: Was im letzten Kapitel stand, ist nicht vergessen, aber es ist schwerer, darauf zurückzugreifen, wenn das nächste Kapitel beginnt.
Diese Theorie wird oft in der Psychologie genutzt, um zu erklären, warum wir uns an bestimmte Dinge in vertrauter Umgebung leichter erinnern – oder warum wir, sobald wir in den Keller gehen, vergessen, was wir eigentlich holen wollten.
Mias Erkenntnis
Mia erkennt: Konsistenz im Raum schafft Fokus. Ein gleichbleibender Raum minimiert die „Event Boundaries“ und hilft Teams, inhaltlich nahtlos an vorherige Diskussionen anzuknüpfen. In der digitalen Transformation, wo Teams ohnehin mit wechselnden Technologien und Themen jonglieren, ist eine konstante Umgebung ein einfacher, aber effektiver Hebel, um nachhaltiger zu arbeiten.
Fazit: Den Raum als Werkzeug nutzen
Der Event Boundary Effect zeigt uns, dass der Wechsel von Räumen nicht nur eine logistische Entscheidung ist, sondern direkten Einfluss auf das Lernen und die Zusammenarbeit hat. Für Mia und ihr Team war der Wechsel zu einem konstanten Arbeitsumfeld der entscheidende Schritt, um produktiver zu werden.
Und wer sich fragt, warum er im Keller nicht mehr weiß, was er holen wollte, kann beruhigt sein: Es liegt nicht an dir – es liegt an deinem Gehirn. 😉